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Foto: Teresa Margolles

PM 2010

von Teresa Margolles

Die Künstlerin Teresa Margolles sammelt – in einer Art Jahrbuch – jeden Tag die Titelseiten des mexikanischen Boulevardblatts PM aus Ciudad Juárez, einer der gefährlichsten Grenzstädte Mexikos. Die Zeitung selbst ist online nicht verfügbar, sondern wird nur von Montag bis Samstag jeweils mittags um 13 Uhr verkauft. Mit der hier gezeigten Arbeit stellt Margolles alle 313 Titelseiten des Jahres 2010 – dem gewaltreichsten Jahr in der Geschichte des illegalen Drogenhandels in Mexiko überhaupt – öffentlich aus. Jede Titelseite zeigt das Foto einer Person, die dem in der Stadt wütenden Drogenkrieg zum Opfer fiel, indem sie erschossen, erstochen oder auf erschreckendste Weise gefoltert wurde. Hunderte von Leichen wurden nie aufgefunden; die meisten wurden wahrscheinlich in mit Säure gefüllten Behältern zersetzt und anschließend als flüssige Überreste in die Erde gekippt. Diese tagtäglichen Bilder einer Boulevardzeitung geben Gewalt und Tod als Alltagserfahrung einer Gesellschaft wieder, die unter dem Druck organisierter Drogenkriminalität einen Zusammenbruch erlebt. Armut, Kriminalität sowie die blutigen Rivalitäten paramilitärischer Gangs stehen immer ganz oben in den populistischen Nachrichten – und gleich daneben die immer wiederkehrenden Erotikanzeigen. So verwandelt die Zeitung jede Szene in eine Art bizarren Todesporno, der durch die ständige Wiederholung fast schon normal geworden ist.

 

Der aktuelle Drogenkrieg entflammte 2006, als der mexikanische Präsident Felipe Calderón entschied, Armee und Polizei in den unmittelbaren Kampf mit den Drogenbossen und deren Netzwerken zu schicken. Das Ergebnis dieser Entscheidung war entsetzlich: Über 40.000 Menschen wurden bisher hingerichtet, und über 2.500 kamen innerhalb eines Jahres, 2010, alleine in Ciudad Juárez ums Leben. Doch die Verantwortung dafür reicht weiter als lediglich bis zur mexikanischen Regierung. So stammen beispielsweise 90 Prozent der Waffen, die bei solcherlei Verbrechen im Drogenmilieu eingesetzt werden, aus den USA. Die Mehrheit derjenigen, die Drogen konsumieren, lebt außerhalb Mexikos – oft in den USA oder in Europa. Es geht hier also nicht nur um die Frage der Legalisierung und Regulierung des internationalen Drogenhandels, sondern letztendlich um die kollektive Verantwortung für die Situation in Mexiko. Jedes Gramm, jeder Joint kann ein Menschenleben kosten. Das zu vermitteln ist Margolles’ Anliegen. Dabei operiert sie mehr als Journalistin denn als Künstlerin. Sie liefert uns Wissen über die Situation in ihrem Land und appelliert an uns, unseren Drogenkonsum einzuschränken oder gänzlich aufzugeben. Denn wir sind an den Profiten der Drogenbosse beteiligt und sollten vielleicht besser einen Teil der kollektiven Verantwortung für das mexikanische Blutvergießen mit übernehmen.

von Artur Żmijewski und Joanna Warsza

 

Teresa Margolles ist eine Künstlerin, die über die Kriminalität in ihrem Heimatland Mexiko arbeitet. Sie hat einen Abschluss in forensischer Medizin und verbringt viel Zeit in Ciudad Juárez.

ADIÓS CIUDAD – Lebewohl, Stadt

Eine Performance in Spanisch von Teresa Margolles und Oscar Gardea & David Gómez.Mehr >

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10. Berlin Biennale